In der ersten Septemberwoche fand unsere zweite Kletter-Fortbildung statt. Ein Ort für die Fortbildung war diesmal aufgrund der schwierigen Wetterlage schwer zu finden. Zur Auswahl standen unter anderem die Dolomiten und Berchtesgaden, jedoch legten sich unsere Trainer letztendlich auf die Region des Val di Mello fest. Dabei handelt es sich um eines der bekanntesten Klettergebiete für Granitkletterei im Trad Stil. Herausragende Klettertouren kann man hier nicht nur im Val di Mello selbst, sondern auch in den umliegenden Gebieten wie Bergell mit den berüchtigten Piz Chengalo und Piz Badile, Chiavenna und dem Val di Masino angehen. Untergebracht waren wir für die Woche auf einem Campingplatz direkt am Lago di Como. Dieser lag günstig zwischen allen in der Region sich befindlichen Klettergebieten, so dass wir nicht auf einzelne Gebiete beschränkt waren. Dazu bot der See auch eine super Entspannungsmöglichkeit nach lagen Klettertagen.

Am Sonntagabend trafen wir uns mit unseren Trainern – Dave, Mirjam, Bene und Matthias am Campingplatz. Wir richteten uns ein und gleich darauf begannen wir in den Kletterführern nach den besten Klettertouren zu suchen. Jedoch machte uns, wie so oft, das Wetter einen Strich durch die Rechnung. Gleich am nächsten Tag sollte gegen Mittag ein Gewitter durch die gesamte Region ziehen, was lange Klettertouren unmöglich machte. Daher legten wir uns für den ersten Klettertag auf kürzere Mehrseillängenrouten oberhalb des Ortes Val Masino fest. Die meisten dieser Routen wurden mit dem Zusatz beschreiben, dass diese eher selten begangen wurden – ein Tipp den wir uns zu Herzen hätten nehmen sollen. In den Routen kämpften wir uns durch zugewachsene Risse und über mit Moos bedeckte Platten. Jedoch war nicht alles so durchwachsen. Die Routen boten auch angenehme Plattenklettereien, die für eine gute Eingewöhnung für unsere kommenden Unternehmungen diente. Trotzdem wurden wir durch die teileweise sehr botanischen Passagen verlangsamt, was dafür sorgte, dass einige von uns noch vom Regen erwischt wurden.

Für die nächsten Tage planten wir eine mehrtägige Tour. Das Wetter sollte für den nächsten Tag noch instabil sein aber die zwei Tage danach durchgehend schön. Perfekt für einen Aufstiegstag mit zwei anschließenden Klettertagen. Für potenzielle Touren kamen für uns unter anderem Klassiker am Piz Badile und Cengalo, sowie Cima di Castello in Frage, jedoch ergab sich durch einen Anruf auf den Hütten schnell, dass die Felsen in höheren Lagen noch vereist waren, was diese Ziele leider ausschloss. Es bestand die Hoffnung, dass die Südseite des Piz Badile aufgrund der sonnenexponierten Lage rechtzeitig Auftaute und so nahmen sich Marvin, Anne und Fynn diese als Ziel vor. Max suchte sich derweil eine abenteuerliche Route an der Südwestseite des Sasso Manduino aus, bei der sich Dominik und Albert anschlossen.

Für Max, Dominik, Albert, sowie die Trainer Mirjam und Matthias ging es zunächst mit dem Auto auf abenteuerlichen Wegen zur Capanna Volta, einer äußerst gut ausgestatteten Selbstversorgerhütte in dem abgelegenen Valle die Ratti. Die Hütte bot, trotz der Abgelegenheit, eine super ausgestattete Küche, einen Holzofen, bequeme Schlafplätz und sogar freies WLAN. Trotz der ausgezeichneten Ausstattung wird die Hütte, dem Hüttenbuch nach, eher wenig besucht und bei unserem Besuch waren wir auf der Hütte allein. Am Abend wurden die letzten Details für die Kletterroute ausgeplant. Das Ziel war eine 900m-Route zum Selbstabsichern durch die Südwestwand des Sasso Manduino, bei der es nicht nur galt, Sicherungen selbst zu lege, sondern auch Stände selbst zu bauen. Für den Zustieg ging es am nächsten Morgen früh los. Um auf die Westseite des Sasso Manduino zu gelangen mussten wir zunächst in eine Lücke auf der Südseite des Bergs aufsteigen – nur um dann durch eine äußerst brüchige Rinne zum Einstieg absteigen. Die Zeit spielte hier jedoch gegen uns. Durch die Rinne kamen wir nur sehr langsam voran denn der Abstieg war durch Steinschlag und nasse steile Felsabschnitte geplagt. Und so sprach unsere Bergführerin Mirjam das Machtwort zur Umkehr da wir den geplanten Zeitplan mit Abstand verfehlten und ein voraussichtlicher Abstieg in der Dunkelheit in unbekanntem und wenig begangenem Gelände zu gefährlich wäre.

So entschloss sich das Team für eine andere Route – den Südost-Grat zum Sasso Manduino. Dieser war von der Schwierigkeit her leichter und deutlich kürzer als die ursprünglich geplante Route. Auch hier galt es Stände und Sicherungen selbst einzurichten, womit uns ein großer Lerneffekt erhalten blieb. Durch grasige Platten und langwierige Gratkletterei arbeiteten wir uns in Richtung Gipfel hinauf. Zum Teil galt es ausgedehnte Grasbänder zu Queren, an anderen Stellen mussten wir große Runouts auf Platten in Kauf nehmen.  Stände lernten wir in unterschiedlichsten Situationen zu bauen wie klassisch an Rissen und Schuppen, oft musste auch mithilfe der 5m Prusik ein einzelner fester Felsblock herhalten. Am Nachmittag erreichten wir den Gipfel wo wir im Gipfelbuch erfuhren, dass wir das sechste Team im Jahr 2025 waren, das den Gipfel erreichte. Zum Abstieg seilten wir über dem Normalweg ab und erreichten am frühen Abend die Hütte, wo wir eine weitere Nacht verbrachten und am Donnerstag abstiegen. Im Tal verbrachten wir den restlichen Tag um zu regenerieren und am See zu entspannen.

Währenddessen stieg das Team Fynn, Anne, Marvin mit den Trainern Dave und Bene zur Gianetti Hütte auf. Geplant war von dortdie Route Diretta Giulio Fiorelli an der Südwand des Piz Badile zu bezwingen. Jedoch stellten wir hier nach einer Stunde Zustieg zur Route fest, dass die unteren Seillängen zu nass waren und wichen an die Südostkante des ebenso schönen Piz Cengalo aus. Hier bot die Route Spigolo Vinci deutlich bessere Bedingungen. Diese verlief teilweise ausgesetzt an einem scharfen Zackengrad, mal an wunderbar griffigen Schuppen und dazu gab es zwischendurch auch noch zwei herrliche Risse zum Überwinden. Diese Route mussten wir fest komplett selbst absichern und Stände selbst einrichten, was aber im ausgezeichneten Granitfels sehr gut möglich war. Durch den Wechsel an den Piz Cengalo verloren wir jedoch Zeit, weshalb wir erst spät den Gipfel und noch später wieder die Gianetti Hütte erreichten. Trotz später Ankunft bekamen wir vom netten Hüttenwirt noch ein leckeres Abendessen. Am nächsten Tag war der Abstieg geplant, was uns aber nicht davon abhielt das gute Wetter zu nutzen und noch am Dente delle Vecchia ein paar Routen zu Klettern.

Als wir alle am Donnerstagabend wieder am Campingplatz zurückwaren standen direkt neue Planungen an. Am darauffolgenden Freitag sollte es gegen Mittag im Val di Mello Gewittern, daher beschlossen wir für diesen Tag die Klettergebiete des am südlichen Ende des Lago di Como gelegenen Lecco zu besuchen. Hier kletterten wir zur Abwechslung nicht am Granit, sondern an spitzen Kalkfelsen. Eine gute Entscheidung, denn während wir dort in der Sonne klettern konnten, sahen wir in der Ferne das Val di Mello im Gewitter und Regen versinken – Etwas was einige von uns am Tag darauf noch beschäftigen sollte.

Für den letzten Klettertag hatten wir alle nochmals eine größere Klettertour vor. Anne, Fynn und Marvin nahmen sich das unglaublich lange Projekt vor die beiden Ultra-Klassiker Il Risveglio di Kundalini und Luna Nascente direkt hintereinander zu klettern, womit man auf stattliche 19 Seillängen kommt. Dominik und Max wollten sich die schwere Lavorare con Lentezza vornehmen und Albert hatte sich einen weiteren ultra-Klassiker, Oceano Irrazionale, herausgesucht. Leider fiel in letzter Minute unser Trainer Matthias aufgrund eines Stocks im Ohr aus, so dass Albert sich Anne, Fynn und Marvin bei ihrer Unternehmung anschloss.

Für Anne, Marvin, Fynn und Albert begann der Tag früh. Im Dunkeln fuhren wir mit unserem Trainer Bene nach San Martino und liefen in der Kälte in Richtung Einstieg, welcher aufgrund der Dunkelheit nicht leicht zu finden war. Nachdem wir anfangs direkt am Einstieg vorbeiliefen, konnten dennoch im Morgengrauen die ersten Seillängen bezwingen. Es stellte sich jedoch bald heraus, dass regelrecht Bäche aus den Rissen und verwachsenen Terrassen des Felsens herausliefen. Diese zu bezwingen kostete das Team wertvolle Zeit und auch in den oberen Seillängen war keine Besserung in Sicht. Dennoch konnten wir hier passagenweise ausgezeichnete Platten und Risskletterei genießen. Die Tour ist nicht umsonst eine der beliebtesten im Val di Mello. In der Tour merkten wir aber schon früh, dass die Luna Nascente im Anschluss zeitlich nicht mehr möglich war. Zu sehr hatten uns die nassen Rinnen verlangsamt. Daher stiegen wir nach erfolgreichem Durchstieg der Kundalini wieder ins Tal ab und sprangen zum Abschluss noch in den im Tal laufenden Fluss.

Für Max und Dominik dagegen waren die Bedingungen deutlich besser. Zusammen mit unserer Trainerin Mirjam stiegen sie die in die Lavorare con Lentezza ein und konnten trotz des Regens am Tag davor durch ausgezeichnet trockene Risse klettern. Ein super Abschluss zur Lehrgangswoche.

Am Sonntag schlossen wir den Lehrgang mit einer Feedbackrunde und einem Ausblick zu unserem Nächsten Lehrgang ab. Wir hatten in der Woche viel gelernt und neue Erfahrungen gesammelt. Alles in einem war es für uns trotz der wechselhaften Bedingungen ein erfolgreicher Lehrgang.